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Wie hört Deutschland?

Eine Sendung von Radio 1 rbb vom Samstag, 08.01.2011, 09:40 Uhr "Die Profis"

Die Straßen dieser Stadt erinnern noch immer an die lauteste Nacht des Jahres. Von den imposanten Raketen und durchdringenden Krachern sind nur mehr bunte Papierreste auf dem Gehweg übrig geblieben. So mancher Verfechter großer Knallkörper hört noch ein ganz leises Fiepen – und ignoriert es. Das Gehör ist ein ganz feiner Sinn, dessen Bedeutung und Sensibilität oft unterschätzt werden. Eine Gruppe von Hörakustikern um Professor Eckhard Hoffmann der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Aalen ist seit 2008 mit der Frage beschäftigt, wie Deutschland hört.

Hören Sie hier ein Interview mit Prof. Eckhard Hoffmann
Quelle: Eine Sendung von Radio 1 rbb vom Samstag, 08.01.2011, 09:40 Uhr "Die Profis"

Professor Hoffmann und die "normale Alterung" des Gehörs -
ein Kommentar von Dr. MSc. Hans-H. Lauterbach, HNO-Arzt und Präventionsmediziner


Am Phänomen der "Alterung" wird weltweit geforscht. Alterung hat natürlich direkt etwas mit dem Vergehen von Zeit zu tun. Doch was ist eine "normale" Alterung des Hörorgans? Die Alterungsvorgänge unseres Körpers und unserer Organe sind abhängig von den Veränderungen der molekularen Strukturen unserer Zellen. Und diese unterliegen vielfältigen Einflüssen. So altern beispielsweise unsere Organe in vollkommen unterschiedlichem Tempo voneinander und auch eineiige Zwillinge erleiden eine völlig unterschiedliche Alterungsentwicklung. Und das liegt, wie die Zwillingsforschung (identische genetische Ausstattung) beweist, an den äußeren Einflüssen und unseren Lebensgewohnheiten (Stress, Lärm, Ernährung, Bewegung, Rauchen, Feinstaub, Unfällen, Erkrankungen, toxische Medikamente, u.a.m.).
Ältere Untersuchungen aus den beginnenden 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Naturvölkern im Sudan, die keinen zivilisatorischen Einflüssen unterlagen, zeigten bis in die achte Lebensdekade eine nahezu unveränderte Hörfähigkeit (Plester D, 1962; Rosen S et al.,1962). Hörkurven von afrikanischen Testgruppen, bei denen akkumulative Noxen weitestgehend ausgeschlossen werden konnten, zeigten deutlich bessere Ergebnisse als amerikanische Vergleichsgruppen, so dass die afrikanischen Hörkurven als Spiegel der reinen alterungsbedingten Schwerhörigkeit betrachtet werden können. Weitere Messungen sprechen für eine genetisch definierte Rückbildungserscheinungen (Involution) an Strukturen des Innenohres (cochleäre Strukturen) bzw. an den versorgenden Blutgefässen, die schon in frühen Jahren nachzuweisen und derer altersabhängige Progredienz zu beobachten ist (Lehnhardt E. und Koch T., 1994).
Aus diesen Erkenntnissen ist bereits zu folgern, dass Umwelteinflüsse einen erheblichen Einfluss auch auf die frühzeitige Alterung der Hörfähigkeit besitzen. Diese Einflüsse sind in den letzten 30 Jahren nicht wesentlich verändert, denn es spielt keine Rolle, ob das Gehör mit dem Walkman oder dem mp3-Player geschädigt wird.

Die Untersuchung von Professor Eckhard Hoffmann von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Aalen lassen einige Fakten außer Acht: Bedingt durch den demographischen Wandel wird im Jahre 2050 ein Anstieg der über 65jährigen um 70% und der über 80jährigen um 170% erwartet [1], so dass die Prävalenz der altersassoziierten Schwerhörigkeit (AHRI) von weltweit derzeit 600 Millionen auf 900 Millionen [2] ansteigen wird. Gleichzeitig steigen die sog. Volkskrankheiten, wie Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, COPD, Herz- und Hirninfarkt, Alzheimer Demenz an.

Schwerhörigkeit ist zu einem großen Teil vermeidbar. Neben dem allgemeinen Wissen darüber, das jeder Einzelne besitzt, wird es ohne Zuhilfenahme der modernen Präventionsmedizin aber nicht ausreichen.


Kommentar: Dr. MSc. Hans-H. Lauterbach,
HNO-Arzt und Präventionsmediziner,
HNO-Facharztzentrum in Tegel,
Praxis für Präventionsmedizin,
Schloßstraße 5 in 13507 Berlin.

Literatur:
[1] Süssmuth R Status:27.10.08/1, Health, Well-Being and Performance–Enterprise for Health)
[2] Knipper M http://www.uniklinikum-tuebingen.de